HERPES ZOSTER
Herpes zoster-Krankheit, Herpes zoster-Krankheiten
Modifizierter und aktualisierter Beitrag aus dem Buch "Ambulante und stationäre Therapie chronischer Sch merz en", herausgegeben von R. Le eser. Enke Verlag Stuttgart (Nov. 1995, 2. Auflage), ISBN 3-432-9932-1 * (Beurteilung im Deutschen Ärzteblatt, Heft 27, 5.7.1996: Ausgereiftes Handbuch der Schmerztherapie mit einem vorzüglichen pharmakologischen Überblick).
Der Name Zoster kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Gürtel" entsprechend der gürtelförmigen Hautausbreitung am Körperstamm. Aus diesem Grund wird die Krankheit auch als Gürtelrose bezeichnet.
Herpes
zoster ist eine neurodermale
(=
Nerven und Haut betreffende)
Infektions krankheit. Der Erreger ist der Herpes
-Varizellen-Virus. Als
Tröpfcheninfektion führt der Erstkontakt vorwiegend bei Kindern zu den bekannten
Windpocken, an sich eine harmlose Kinder
krankheit. Leider hat das Virus die Eigenschaft, über Jahrzehnte in bestimmten
Bereichen des
Nerven
systems zu
überleben, ohne daß Krankheit szeichen vorhanden sind. Kommt es aber zu einer
Schwächung des Immunsystems, so wird das Virus
reaktiviert und erreicht über sensible Nervenbahnen die Haut und es entsteht der
He rpes zos ter.
Der
He rpes zos ter befällt überwiegend die
Nerven
segmente der unteren
Brust
wir belsäule,
seltener den
Gesicht
s- (Gesichtsrose) bzw.
Kopf
bereich
(Kopfrose) (Zoster ophthalmicus,
Zoster oticus).
Die Herpes zoster -Krankheit beginnt mit brennenden, juckenden Sch merzen im Bereich der befallenen Nervensegmente und geht mit Sensibilitätsstörungen (= Störungen der Empfindung) einher. Schon die Berührung der Haut im befallenen Bereich verursacht starke Sch merzen (eine sog. Allodynie). Einige Tage später bilden sich Hauterscheinungen wie rote Flecken, Pusteln und Papeln aus. Diese sog. Effloreszenzen heilen in der Regel nach 2 - 4 Wochen ab und normalerweise verschwinden dann auch die Nervenschmerzen wieder. Diese werden auch als neuropathische Sch merzen (= Nerveneigenschmerzen) bezeichnet.
Behandlung des Herpes zoster (akuter):
Antivirale (= gegen das Virus gerichtete) Therapie: Aciclovir ist Medikament der Wahl. Es wirkt als Guanosinanalogon auf die Replikation (= Neuentstehung der Erbsubstanz) des Virus, verringert die akuten Sch merzen, die Erythembildung (= flächenhafte Hautrötung) und die Neubildung von Läsionen und läßt die Effloreszenzen (= Hauterscheinungen) schneller abheilen. Darüber hinaus können noch folgende Medikamente empfohlen werde: Brivudin, Famciclovir oder Valaciclovir.
Lokale (= örtliche) Therapie
mit antiviralen (= gegen Viren gerichtete) Substanzen:
Idoxuridin oder Desoxyuridin in Dimethylsulfoxid
(Zostrum®) wird viermal täglich vier Tage lang auf die betroffenen Hautstellen
aufgetragen und führt zu einem schnellen Rückgang der Sch
merzen (Wassilew
1988).
Alternativ bietet sich Vidarabin Salbe an (zweimal täglich) (Hempel
1993). Antivirale Substanzen beeinflussen Sch
merzen ab dem fünften Tag nach
Auftreten der Zostereffloreszenzen (= typischer Hautausschlag
bei
Gürtelrose) nicht mehr. Danach ist der Einsatz
antiinflammatorischer (= entzündungshemmender)
Pharmaka angezeigt.
Lokale (= örtliche)
und systemische (= den Gesamtorganismus
betreffende) Therapie mit Steroiden (=
Hormon aus der Neben
nieren rinde):
Injektionen mit
Glukokortikosteroiden wie z.B. 25 mg Prednisolon, z.T. mit
Lokalanästhetika,
z.B. Bupivacain 0,25 % in die betroffenen Hautareale werden empfohlen (Hempel
1993), wobei sowohl Schmerzreduktion als auch verringertes Auftreten einer
pos
t
zoster
ischen Neuralg ie gesehen wurden, allerdings fehlen hierzu
kontrollierte Studien.
Das gleiche gilt für epidurale (=
rückenmarknahe) Steroidinjektionen oder Injektionen an den
Trigeminus durch das Foramen ovale. Systemische Therapie mit Corticosteroiden
und ACTH (= Hormon, das im Gehirn gebildet wird)
ist umstritten.Wassilew
(1988) beobachtete jedoch unter der Gabe von 1 mg Methylprednisolon pro kg Körpergewicht bei
rechtzeitigem Therapiebeginn innerhalb von 10 Tagen hervorragende Reduktion bzw.
Sistieren (= Wegbleiben) der akuten Sch
merzen.Empfohlen
werden Kortikosteroiddosen von 40-60 mg pro Tag in der ersten
Woche mit Ausschleichen der Dosierung in den nächsten 1-2 Wochen (Zenz
1994).
Es werden Fälle beschrieben, bei denen sich ein generalisierter
(= auf den gesamten Körper ausgebreitete)
He rpes zos ter entwickelte.
Das
Risiko des Auftretens eines disseminierten (= über den Körper
verstreuten)
He rpes zos ter wird jedoch als relativ gering betrachtet (Loeser
1986).
Therapie mit systemischen Analgetika (= im ganzen
Körper wirkenden
Schmerzmittel) und
Co-Analgetika (= Mittel die
Schmerzmittel in ihrer Wirkung unterstützen):
In der
Literatur werden verschiedene Pharmaka zur Therapie der akuten Sch
merzen bei
He rpes zos ter
genannt. Dabei muß bedacht werden, daß die Sch
merzen bei
He rpes zos ter
-Patienten unter 50 Jahren ohnehin normalerweise spontan sistieren
(= aufhören).
Gegen die Sch merzen bei
He rpes zos ter wirken am besten
sog. Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht,
aber auch bei Herpes-zoster hilfreich). Als erste
Wahl gelten heute Gabapentin oder Pregabalin, als 2. Wahl Carbamazepin.
Interessant sind Untersuchungen über den Einsatz
von Levodopa (Kernbaum 1981) und Adenosinmonophosphat (Sklar 1985)
bei
He rpes zos ter.
Therapie mit lokalen Therapeutika (= Mittel die
örtlich aufgetragen werden):
Benedittis (1992)
propagiert die lokale Applikation von Acetylsalicylsäure
(ASS) in Diäthyläther gelöst.
Therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw.
Lokalanästhetika):
Hierbei
werden in der Literatur Hautinfiltrationen mit
Lokalanästhetika, oft mit
Glukokortikoiden gemischt, Blockaden des somatischen und vegetativen (=
unwillkürlichen) Nervensystemes und auch intravenöse (=
in eine Blutader gespritzte) Lokalanästhetikagabe bei entsprechender
Lokalisation beschrieben (Zenz 1994). Rechtzeitiger Beginn der Behandlung
innerhalb von zwei bis drei Wochen und vor allem auch Sympa thikus-
(= Teil des unwillkürlichen Nervensystems) Blockaden führen zu
guter Schmerzreduktion und sollen das Auftreten pos t
zoster
ischer
Neuralgien
verhindern. Bei Periduralanästhesien (=
rücken
marknahe Betäubungen) können dem
Lokalanästhetikum Corticosteroide
zugemischt werden (Hankemeier 1988).
Wenn die Sch merzen die Hauterscheinungen des
He rpes zos ter überdauern, meistens nach 4-6 Wochen, dann
ist die Krankheit in eine pos tzos terische
Neuralg ie übergegangen.
Zehn Prozent aller Patienten mit
He rpes zos ter entwickeln eine Neuralg ie (Loeser
1986). Begünstigend für das Auftreten einer Neuralg
ie nach
He rpes zos ter sind Intensität und Ausmaß der akuten
Herpes zoster -Krankheit,
Diabetes mellitus (= Zucker krankheit),
Lokalisation des
He rpes zos ter ((häufiger nach Herpes
zoster ophthalmicus
(=
Gesichtsrose))
und vor allem das Alter der Patienten.
Die Inzidenz
(= Anzahl neuer Er
krankungsfälle)
an Neuralg ie nach
He rpes zos ter beträgt 20-60 Prozent bei den
über 60jährigen (Struppler 1988).
Der Schmerzcharakter bei der Neuralg ie nach
He rpes zos ter
wird von den Patienten uneinheitlich beschrieben:
anhaltend tief drückend oder brennend, blitzartig einschießend, stechend und
brennend. Fast regelmäßig besteht im Schmerzbereich eine Sensibilitätsstörung
(= Störung des körperlichen Empfindens), so in Form einer
Hyperpathie (=
Sensibilitätsstörung als Überempfindlichkeit gegenüber allen örtlichen Reizen)
oder auch Hyperalgesie
(=
herabgesetzte Schmerzschwelle) bis hin zu einer
Allodynie
(= schon die
Berührung
der Haut im befallenen Bereich führt zu
Sch merzen).
Behandlung der Neuralg ie nach He rpes zos ter:
Beim
Entstehungsmechanismus einer Neuralg ie nach
He rpes zos ter spielen sowohl zentrale
(= im
Rücken
mark)
als auch periphere
Nervenläsionen eine Rolle. Dementsprechend werden
verschiedene Therapiemaßnahmen, die zentral oder/und peripher angreifen,
unterschiedlich erfolgreich sein (Hefer
mann
und Lees
er, 1992).
Die Therapie dieser Neuralg ie ist schwierig und setzt große
Erfahrung voraus. Dabei ist häufig eine gezielte "Polypragmasie"
(= Durchführung mehrerer Maßnahmen gleichzeitig)
erforderlich. Die Patienten betreiben zum Teil einen
Schmerzmittelabusus
(=
Schmerzmittelmißbrauch) oder
sind gar bereits abhängig, so daß vorrangig eine
Entzugsbehandlung erforderlich
ist. Infolge des chronischen Schmerzes entwickeln sich öfters psychische
Veränderungen, so daß auch
psychotherapeutische Interventionen notwendig werden.
Eine systemische medikamentöse Therapie mit
Schmerzmittel nach dem WHO
(= Weltgesundheitsorganisation)
-Stufenschema sollte bei der Neuralg ie nach
He rpes zos ter zumindest ab Stufe 3 (z.B. Gabe von Morphin) erst dann
eingesetzt werden, wenn die Therapie mit Psychopharmaka, Antiepileptika
(Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin) (= Mittel gegen das Anfallsleiden, u.a. aber auch bei
Sch merzen nach Herpes zoster
wirksam) und
nichtmedikamentösen Verfahren, sowie perkutaner
(= durch die Haut hindurch)
Medikamentenanwendung ausgeschöpft wurde.
Antidepressiva (z.B. Doxepin,
Maprotilin) (= Mittel gegen Depression),
evtl. auch in Kombination mit Neuroleptika (z.B. Levomepromazin)
(= Mittel zur psychischen Behandlung, u.a. aber auch gegen diese
Sch
merzen wirksam),
verschaffen den Patienten mit Sch merzen nach
He rpes zos ter
häufig
Linderung. Wir bevorzugen Amitriptylin in einer Tagesdosis von bis zu 75 mg, da
es in Kombination mit
Analgetika, Antiepileptika und oder Neuroleptika stärker
wirksam ist.
Gegen die Sch merzen nach
He rpes zos ter wirken am besten
sog. Antiepileptika (= eigentlich Mittel gegen die Fallsucht,
aber auch bei Herpes-zoster -Sch
merzen hilfreich). Als erste
Wahl gelten heute Gabapentin oder oder Pregabalin, als 2. Wahl Carbamazepin.
Zur Wirkstoffeinsparung und damit Reduzierung der
Nebenwirkungen kann mit Baclofen
(= ein Mittel zur
Muskel
entspannung) kombiniert
werden. Manchmal ist auch die Verordnung von Keltican®
(= ein Mittel, das z.T.
Nervenschäden
reparieren kann)
hilfreich.
Zur perkutanen (= durch
die Haut hindurch) medikamentösen
Schmerztherapie nach
He rpes zos ter eignet sich Acetylsalicylsäure
(= bekannt als Aspirin®),
wobei allerdings durch ASS eine Ablösung der Hornschicht der Haut und bei Lösung
in Chloroform dessen Leber- und
Nieren
giftigkeit zu beachten ist (Zenz
1994).
Capsaicin, Inhaltsstoff des spanischen Pfeffers, als Creme (0,025-0,075%)
verabreicht, kann ebenfalls schmerzlindernd wirken. Allerdings tolerieren einige
Patienten nicht die mit der Anwendung verbundenen Hautreizungen und
vorübergehende Schmerzverstärkung.
Auch eine Iontophorese
(= Verabreichung von Wirkstoffen durch die Haut mit Hilfe von Gleichstrom)
mit Vincristin, ist zur
Schmerztherapie nach
He rpes zos ter geeignet, wenn die
Herpes zoster-Krankheit nicht länger als 6 Monate zurückliegt (Layman
1986).
Mittlerweile gibt es ein sog.
Schmerzpflaster, das mit einem
Lokalanästhetikum getränkt ist. Das
postkartengroße, selbstklebende Hydrogelpflaster (Versatis®) enthält Lidocain
und wird auf die sch merzende Stelle geklebt. Bis zu drei Pflaster dürfen
gleichzeitig appliziert werden, auch das Zuschneiden auf eine passende Größe ist
möglich. In den USA ist das Pflaster bereits seit 1999 auf dem Markt, nach
europäischen Zulassungsstudien nun auch in Deutschland, und zwar mit der
Indikation neuropathischer
Sch merz nach Herpes zoster.
In der medizinischen Literatur wird die Ansicht vertreten, daß die Erfolgsrate der
therapeutischen
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel) bei der Neuralg ie nach
He rpes zos ter abhängig von dem Zeitpunkt des Beginnes der
Schmerztherapie nach Ausbruch der Herpes zoster-Krankheit sei. Nach sechs Wochen (Hempel
1993) beziehungsweise 3 Monate (Zenz 1994) seien die
Sch merz
en nach
He rpes zos ter
in den meisten Fällen durch
Nervenblockade
n
(= Nervenbetäubungen)
nicht mehr günstig zu beeinflussen. Auch Loeser (1986) räumt der
therapeutischen Lokalanästhesie bei Patienten mit älterer Neuralg ie nach
He rpes zos ter kaum noch Nutzen ein.
Dem widersprechen aber zum Teil die
Erfahrungen anderer Autoren. Auch
Hefer
mann
und L
ees
er
(1992) berichten über gute Erfolge mit Ner venblockaden, sofern diese konsequent durchgeführt werden. Folgendes
Vorgehen hat sich bewährt: Nach einer positiven, schmerzlindernden Testblockade
wird eine Serie von Ner venblockaden mit einem lang wirksamen örtlichen Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain in einer Konzentration von 0,25%)
durchgeführt, wobei anzustreben ist, die Folgeblockade immer dann anzusetzen,
wenn die vorhergegangene eben abgeklungen ist. Dazu bieten sich kontinuierliche
Verfahren mittels Kathetertechnik (=
Einpflanzung eines dünnen Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Nerv)
an.
Viele Autoren betonen bei der Neuralg ie nach He rpes zos ter die Effektivität von Blockaden des Sympathikus (= sog. autonomes, selbständiges Nervensystem) (z.B. Auberger 1990, Hempel 1993).
Topische (= eine örtliche, oberflächlich wirkende) Lokalanästhesie der betroffenen Hautareale, zum Beispiel mit Lidocain-Spray oder Lidocain-Prilocain Creme (EMLA®), wird bei Sch merzen nach He rpes zos ter von verschiedenen Autoren eingesetzt (Milligan 1989). Bei abnehmender Wirkung im Behandlungsverlauf ist an eine Tachyphylaxie (= Wirkungsabschwächung bei wiederholter Anwendung) zu denken. Zudem können bei lokaler Anwendung zusammen mit Ner venblockaden toxische (= giftige) Lokalanästhetikakonzentrationen erreicht werden.
Weitere Therapiemaßnahmen bei Schmer zen nach Herpes zoster
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